Und ich dachte, ich sei abhängig. Wenn man glaubt, was Süddeutsche-Redakteur Alex Rühle in „Ohne Netz – Mein halbes Jahr offline“ über seinen exzessiven Blackberry-Gebrauch schreibt, relativiert das so manches, was man für digitales Suchtverhalten hält. Der gute Mann, der sich für sein Buch sechs Monate vom Internet abgekoppelt hat, deponierte zu schlimmsten Zeiten angeblich sein Smartphone auf der Garderobe im Flur, um dort beim nächtlichen Toilettengang noch mal heimlich über seine liebsten Webseiten zu schauen. Schlimm, so was!

Foto: Artful.Dodger|Harith.H (CC-Lizenz)

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Für ein halbes Jahr hat Rühle seinen Rechner zu Hause und bei der Arbeit offline genommen, um daraus ein Buch zu machen. Verstanden hat das kaum einer. Der beste Beweis: Trotz ziemlich eindeutiger Abwesenheitsnotiz sammelten sich in den sechs Monaten dann doch noch 5644 ungelesene Mails an.

Während seiner Abwesenheit begann er, Postkarten zu schreiben, besuchte statt Spiegel Online lieber einen ebenfalls Blackberry-losen Brieffreund in der Haftanstalt, schlug sich ohne Google durch und stellte fest, wie viel um sich rum er vor seiner Abstinenz verpasst hat. Sehr schön – meine Lieblingsstelle – konstruiert er das Bild einer Welt, in der das Netz vor dem gedruckten Wort kam. Google sieht sich in diesem Paralleluniversum dazu veranlasst, gegen diese so genannten Verlage zu klagen, weil sie sich von ihnen in ihrem Geschäftsmodell gefährdet sehen. Diese Idee hatte Rühle bestimmt auch nicht als erster. Aber egal, trotzdem gelungen.

Leider neigen sich die Kuriositäten, von denen das Offline-Tagebuch des Journalisten berichtet, allzu schnell gen Ende. Nach nicht einmal der Hälfte sind die Novitäten langsam dahin und mit ihnen das Lesevergnügen. Es scheint, als böte der Kampf gegen eine Sucht wie das Internet eben doch nur eine begrenzte Anzahl verschiedener Erzählebenen.

Das hätte jedoch nicht so sein müssen. Es läuft ja gut, solange der Autor darüber schreibt, wie schwierig es als Journalist ist, sich ohne das Internet, ohne Google, ohne Online-Telefonbücher und vor allem ohne E-Mail zurechtzufinden. Rühles Problem beginnt, als er den privaten und den beruflichen Entzug zu sehr vermischt. Die Anekdoten über Töchterchen S. können kein ganzes Buch tragen. Ebenso wenig allerdings die merkwürdigen Web-Angewohnheiten anderer SZ-Redakteure, weshalb dann nach einer Weile auch die Einträge kürzer werden und der Witz spärlicher.

Schließlich gelobt Alex Rühle am Tag vor dem Experimentende halbherzig, auf dem Heimrechner weiterhin offline bleiben zu wollen. Dass ihm das nicht gelungen ist, gesteht er im Nachtrag ohne Reue – und leider erwartbar. Und doch ist sein Versagen, aus der Offline-Zeit dauerhafte Konsequenzen zu ziehen, in etwa so enttäuschend wie der Mangel an Lösungsvorschlägen und die Perspektivlosigkeit, mit denen einen Frank Schirrmachers mit „…wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“ untertiteltes Buch „Payback“ zurücklässt. Das Wort ‚enttäuschend‘ ist freilich etwas stark gewählt, dafür fehlt es trotz des guten Ansatzes an Relevanz. Ich spreche hier nicht von einem gesellschaftsrelevantem Anspruch oder was auch immer, sondern von der Aufklärung, auf die ich zumindest ein bisschen gehofft habe. Dennoch: „Ohne Netz“ war bisweilen sehr amüsant, in jedem Fall kurzweilig und anders als etwa mein letzte Netz-Buch (das von Schirrmacher) angenehm unprätentiös geschrieben. Zumal für einen Feuilleton-Redakteur. Pardon.

Und die interessantesten Beobachtungen bei solchen Offline-Experimenten – ob in diesem Buch oder in entsprechenden Blogeinträgen, die seit einer Weile Hochkonjunktur haben – die an einem selbst. Ein Buch über den Abschied vom Netz lesen und dabei ständig ein Auge aufs eigene Smartphone – das ist eine Ironie, der kann sich niemand entziehen.

Besser soll übrigens dieses parallel erschienene Buch sein. Dazu dann bei Gelegenheit mehr.